Es ist ein schmaler Grat zwischen Leben und Tod in diesen Tagen. Im Frühjahr 1945 erreicht der NS-Terror noch einmal einen grausamen Höhepunkt. Die einen hoffen auf die so nahe Befreiung, die anderen noch immer auf den versprochenen Endsieg.

Ein Hitlerjunge im hessischen Wetterfeld erhält vom Bürgermeister im April 1945 einen Mordauftrag. Er soll einen angeblichen Verräter aus dem Weg schaffen. "Der Bürgermeister befiehlt das, das muss gemacht werden. Nicht denken, Klappe zu. Befehl und Gehorsam", erinnert der damals 16-Jährige sich. In Brettheim bei Rothenburg ob der Tauber nehmen einige Bürger vier Hitlerjungen die Waffen ab und werden vor ein SS-Standgericht gestellt.

Martha Gillessen sitzt im Gestapo-Keller in Dortmund, weil sie eine Jüdin versteckt hat. Zusammen mit ihrer Tochter und 300 Widerstandskämpfern und Kriegsgefangenen bangt sie um ihr Leben. Werden die Alliierten rechtzeitig kommen? "Sie hat immer allen Mut gemacht", erinnert sich die Tochter. Im Arresthaus von Beerfelden im Odenwald sitzt ein junger Wehrmachtssoldat wegen Fahnenflucht fest. Auch ihm droht ein Standgericht.

Zehntausende werden in den letzten Tagen und Wochen vor Kriegsende noch zum Opfer des NS-Terrors, viele zu Tätern. In den Justizakten sind über 400 solcher Endphasenverbrechen dokumentiert. Die Filmautorin Christine Rütten schildert exemplarisch einige davon und nimmt die Ermittlungen gegen die Täter journalistisch wieder auf.

Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes lenkt diese Dokumentation damit den Blick auf ein Weltkriegskapitel, das auch lange nach 1945 noch seine Schatten wirft. Die Täter kommen in den Nachkriegsprozessen mit milden Strafen davon. Die überlebenden Opfer und die Kinder der Toten sind bis heute traumatisiert. Und in vielen Dörfern wird bis in die dritte Generation über das mörderische Finale geschwiegen.

Ein Film von Christine Rütten