Die europäische Außengrenze ist Schauplatz eines brutalen Abwehrkampfes: Mit Gewalt werden Geflüchtete aus der Türkei zurückgedrängt, mit Tränengas beschossen – es gibt sogar Todesfälle.

Die EU-Grenzschutzbehörde Frontex sichert Verstärkung zu, die Kommissionspräsidentin unterstützt das Vorgehen und nennt Griechenland den „Schild“ Europas. Die vorübergehende Aussetzung des Asylrechts – ein universelles Menschenrecht – markiert eine historische Zäsur. Was bedeutet es für die EU-Staaten, wenn ein solch grundlegendes, für alle Menschen geltendes Recht temporär nicht mehr gültig ist? Welche Rechte dürfen dann in Zukunft ausgesetzt werden? Und was bedeutet es für die Außenwirkung eines Kontinents, der trotz allem bis heute für die Idee der Menschenrechte, für Rechtsstaatlichkeit und für internationale Solidarität stand.
Europa – so viel ist klar – hat die Lehren aus 2015 nicht gezogen: Weder haben die Europäer sich auf eine gemeinsame Migrationspolitik geeinigt, mit der die heutigen Fluchtbewegungen organisiert werden könnten, noch haben sie die diplomatische Expertise und Wirkkraft entwickelt, die jetzt im Syrien-Konflikt so unbedingt gebraucht werden.
ttt hat mit Julian Nida-Rümelin und Kristin Helberg darüber gesprochen, warum es für die westlichen Demokratien entscheidend sein wird, dass sich Europa auf seine Werte besinnt und Verantwortung in der Welt übernimmt.

Bericht: Katja Deiß


Das Ende der Welt, wie wir sie kennen? – Corona als Herausforderung und Chance einer globalisierten Welt

Tausende sind bereits gestorben, es werden wohl noch Tausende folgen – die Corona-Pandemie ist eine weltweite Tragödie. Wenn das Schlimmste vorbei ist, müssen wir uns fragen: Welche Lehren wollen wir ziehen? Wir kommen gar nicht drumherum die Systemfrage zu stellen, das glaubt Slavoj Žižek, Psychoanalytiker und Superstar unter den Philosophen. Denn der Virus wirke auch tödlich auf den globalisierten Kapitalismus, so wie wir ihn seit ein paar Jahrzehnten leben.
Vor dem Virus sind wir alle gleich, egal ob arm oder reich, unabhängig von Nationalität und Herkunft. Wir sitzen alle im gleichen Boot, sagt Žižek, der selbst im slowenischen Ljubljana in Quarantäne sitzt. Und die Corona-Krise zeige noch etwas: Um Katastrophen wie diese in den Griff zu bekommen, brauchen wir starke Staaten und starke Staatengemeinschaften – auch hier versagt Europa gerade ein weiteres Mal. Daraus könne nur folgen, endlich „eine alternative Gesellschaft zu denken, eine Gesellschaft jenseits der Nationalstaaten, eine Gesellschaft, die sich in globaler Solidarität und Kooperation verwirklicht.“
Žižek vertritt hier keine linke Außenseiterposition, wenn selbst der französische Präsident Emmanuel Macron in einer Rede verkündet, dass diese Pandemie jetzt schon deutlich gemacht habe, „dass es Güter und Dienstleistungen gibt, die außerhalb der Marktgesetze gestellt werden müssen.“ Ernährung, Gesundheit und Sicherheit dürften nicht der Privatwirtschaft überlassen werden. Žižek geht es nicht darum, den Kapitalismus ganz abzuschaffen oder gar die Globalisierung zurückzudrehen, sondern um eine Reorganisation der Weltwirtschaft, die nicht länger hilflos den Marktmechanismen ausgeliefert“ ist.
ttt hat mit Slavoj Žižek und Bernd Ulrich darüber gesprochen wie der Coronavirus den globalen Kapitalismus erschüttert und wie wir die Katastrophe für einen Aufbruch nutzen können, die Welt zum Besseren zu verändern.

Bericht: Alexander Stenzel/Sven Waskönig

Voll nice – Leif Randts fröhlich-dystopischer Roman „Allegro Pastell“

Den Leipziger Buchpreis 2020 hat Leif Randt dann doch nicht bekommen. Grämen muss er sich deswegen nicht, wird sein neuer Roman doch bereits frenetisch gefeiert. „ttt“ trifft den in Berlin lebenden Autor, der seine Hauptperson Jerome stark autobiographisch angelegt hat, an den Orten seiner Herkunft: Maintal und Frankfurt.

Alles andere als weiße Hochkultur - Die R’n'B-Geigerin „Sudan Archives“

„Sudan Archives“ ist Geigerin. Doch sie ist keine Absolventin höherer Musikschulen, kommt nicht aus einem wohlsituierten – weißen – Elternhaus, sondern hat sich ihr Instrument autodidaktisch im Gospelchor ihrer – schwarzen – Gemeinde angeeignet. „ttt" hat „Sudan Archives“ in New York zu einem letzten Konzert begleitet, einen Abend, bevor dort alle Veranstaltungen wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurden.

Moderation: Evelyn Fischer